KI als Spielleiter
Seit meinem letzten Beitrag zur KI in DSA-Abenteuern ist einige Zeit vergangen. Mittlerweile haben die großen Sprachmodelle beeindruckende Fortschritte gemacht. Aber können sie einen Meister ersetzen?
Ich meistere tatsächlich relativ oft beim Rollenspiel. Das liegt aber, wenn ich ehrlich bin, gar nicht daran, dass ich der perfekte Spielleiter bin. Wie ich selbst wollen die meisten Rollenspieler lieber spielen als leiten. Auch mit den heute verfügbaren Hilfsmitteln ist die Vorbereitung mit viel Aufwand verbunden.
Außerdem kann ich gar nicht alles spielen, was ich möchte. Ich bin kein Schüler mehr und bringe erst einmal fünf erwachsene Menschen mit Kindern und Beruf an einen (virtuellen) Tisch, um stundenlange Kampagnen zu bestreiten. Manche Abenteuer passen zum Beispiel auch nicht zum Konzept oder zur Zeitlinie der aktuellen Gruppe, aber ich würde die Handlung gerne in irgendeiner Form erleben.
Wäre es da nicht perfekt, wenn ich ein Gruppenabenteuer solo spielen könnte? Danach kann ich es immer noch als Meister leiten und habe gleichzeitig viele neue Ideen gesammelt.
Was benutze ich als technische Basis?
Mittlerweile kann jeder komplexe KI-Abläufe mit wenig oder sogar ganz ohne Programmierkenntnisse erstellen. Das bekannteste Tool ist wahrscheinlich n8n im Umfeld von Geschäftsprozessen. Ich habe mich für das Open-Source-Tool Flowise AI entschieden. Eine sehr gute Wahl, wenn man die grundsätzliche Server-Infrastruktur selbst aufbauen kann. Theoretisch kann man mit den zur Verfügung gestellten Optionen von Flowise AI auch einfach selbst ein Sprachmodell betreiben. Dafür ist aber ein teurer GPU-Server notwendig. Daher habe ich mich für eine Schnittstelle zu OpenAI entschieden.
Ist das denn erlaubt?
Ich habe viele Jahre als Journalist und Autor gearbeitet. Daher war es mir besonders wichtig: Ich möchte nicht den Autor ersetzen, sondern den Meister. Eigentlich möchte ich auch das nicht. Seien wir ehrlich: Es geht nichts über die verrückten Geschichten, die man zusammen erlebt und die vorher niemand jemals hätte planen können. Diese Latte ist einfach zu hoch, aber wenn kein Meister zur Verfügung ist, will ich die Arbeit eines Autors anders zugänglich machen, ihn nicht ersetzen. Wenn die Umsetzung gelingt, müsste der Autor natürlich auch an etwaigen Umsätzen beteiligt werden und schließlich für die gleiche Arbeit mehr erhalten. Zumindest wäre es in einer idealen Welt so.
Für diesen Test habe ich zunächst darauf geachtet, dass das Embedding (Erstellung der Wissensdatenbank) lokal läuft. Das muss nur einmal erfolgen und ist gut mit meiner CPU machbar. Die kostenpflichtige Schnittstelle zu OpenAI garantiert, dass keine Inhalte für das KI-Training genutzt werden. Das kann man glauben oder auch nicht, aber durch die genutzte Infrastruktur wird sichergestellt, dass keine externe KI Inhalte von DSA-Autoren in ihrer Gänze bekommt.
Wie sorge ich für das richtige DSA-Feeling?
Theoretisch kann man z. B. auch mit ChatGPT ein Soloabenteuer spielen, indem man im ersten Prompt eines Chats ein paar Anweisungen gibt. Den durchschnittlichen Rollenspieler werden schnell die Abweichungen von seiner Lore stören. Nicht nur bei DSA, auch bei anderen Systemen stört das für viele schnell die Immersion. Also habe ich meinem KI-Meister eine Datenbank zur Verfügung gestellt, in der er typische Begriffe aus der Handlung und der Spielereingabe nachschlagen kann. Der Fachbegriff dafür ist RAG (Retrieval-Augmented Generation).
Was ist ein RAG?
Bei einem RAG werden Textschnipsel in einer speziellen Datenbank gespeichert und ihnen ein mathematischer Ausdruck (Vektor) zugeordnet, der die Semantik repräsentiert. Das erfolgt ebenfalls mit künstlicher Intelligenz, einem Embedding-Modell. Wenn ein User nun eine Frage stellt, wird diese ebenfalls mit der gleichen Methode in einen Vektor umgewandelt. Jetzt können ähnliche Textschnipsel sehr schnell gefunden werden. Anders als bei einer lexikalischen Suche nach Stichworten muss aber nicht z. B. das gesuchte Wort „Kampf“ im Textschnipsel vorkommen, sondern eine Beschreibung von Schwertgeklirr kann völlig ausreichend sein und gleichzeitig noch andere Aspekte der Frage einbeziehen. Gleichzeitig ist diese Art der Suche sehr schnell.
Welches Abenteuer?
Ich habe mich an „Alptraum ohne Ende“ gewagt. Nicht nur, weil viele Spieler, die neu dazugekommen sind, die epische Geschichte der G7 verpasst haben, sondern weil die Kampagne auch für ihr Railroading berüchtigt ist und das Abenteuer daher vermeintlich leichter umzusetzen sein sollte. Teile zu diesem Abenteuer habe ich meinem KI-System gegeben, zusammen mit einem Überblick der Gesamthandlung.
Wie gut hat das alles funktioniert?
Durch die Wissensdatenbank kommt sehr schnell DSA-Feeling auf. Es ist einfach fantastisch, wenn ich einen Andergaster erwähne und der Erzähler weiß, dass es sich dabei um ein langes zweihändiges Schwert handelt. Mit der Handlung war ich nicht so zufrieden.
Die KI gibt Informationen aus der Zusammenfassung an den Spieler, die dieser noch nicht haben sollte, und die Handlung geht nicht voran, wenn der Spieler sie nicht aktiv antreibt. Sterben ist fast unmöglich, da die KI immer versucht zu helfen.
Viel Prompting später ist es etwas besser, und durch ein extra Sprachmodell, das die bisherigen Geschehnisse zusammenfasst, stimmen auch die Anschlüsse meistens. Die Zusammenfassung habe ich der KI wieder weggenommen und gehe zur Strategie über, einzelne Orte zu beschreiben mit verschiedenen Handlungsoptionen. Das liefert meistens die besten Ergebnisse: Eine KI bekommt eine klar definierte Aufgabe oder zumindest eine Kette von Aufgaben, die sie abarbeiten kann. Für die nächste Aufgabe wird dann an das nächste System weitergegeben.
Allerdings passiert es dann immer wieder, dass die KI doch wieder in der Handlung falsch abbiegt. Durch die starre Struktur findet sie dann nicht mehr zurück, wenn Ereignisse zum Beispiel übersprungen werden. Ein echter Meister kann dagegen dann improvisieren.
Fazit
Die KI liefert in vielen Bereichen beeindruckende Ergebnisse. Aber als Spielleiter werde ich sie erst mal nicht weiter einsetzen, obwohl ich in die Tests einiges an Arbeit und auch ein wenig Geld gesteckt habe.
Irgendwie stimmt mich das Ergebnis dennoch zufrieden: Wir betreiben ein Hobby, das weit komplexer ist, als viele denken, und erstaunliche Fähigkeiten fordert und fördert.
